Zwischen elterlicher Realität und therapeutischer Verantwortung

Vor einer Woche gab es in meinem Netzwerk-Chat die anonymisierte Anfrage einer Kollegin nach Erfahrungen und der grundsätzlichen Haltung zu paartherapeutischen Sitzungen im Beisein eines Kleinkindes. Über die Frage nach Für und Wider entwickelte sich ein reger Chatverlauf.

Solche Anfragen kenne ich in der Tat ebenfalls aus meiner eigenen Praxis.

Junge Eltern möchten an ihrer Paarbeziehung arbeiten, stehen jedoch häufig vor einem ganz praktischen Problem: Für ihr Baby oder Kleinkind (0–2 Jahre) gibt es in dieser Zeit oft keine verlässliche Betreuung. Diese Situation ist für mich absolut nachvollziehbar. Paarthemen entstehen schließlich nicht erst dann, wenn Kinder betreut sind – und manchmal entstehen sie gerade im Übergang von der Paar- zur Elternbeziehung.

Forschung zum Übergang zur Elternschaft zeigt, dass sich die Zufriedenheit in Paarbeziehungen nach der Geburt eines Kindes häufig verändert und auch abnehmen kann. Diese Phase der Veränderung wird für viele Eltern(paare) zu einer Entwicklungsaufgabe ihrer Partnerschaft (vgl. John Gottman & Julie Schwartz Gottman, And Baby Makes Three, 2007, S. 4–7).

Gerade in dieser Phase suchen viele Paare erstmals therapeutische Unterstützung.

Gleichzeitig sind Zeit, Energie und organisatorische Ressourcen in dieser Lebenssituation häufig begrenzt, und insbesondere Kleinkinder (0–2 Jahre) sind manchmal noch nicht mit einer Betreuung durch Dritte vertraut. Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch vieler Elternpaare nur allzu verständlich, ihr Kind zur Sitzung mitzubringen.

Viele Eltern stellen mir deshalb sehr direkt die Frage:
„Können wir unser Baby einfach mitbringen?“

 

Genau an hier stellt sich jedoch aus therapeutischer Sicht eine grundlegende Frage: Welche Bedingungen braucht Paartherapie eigentlich, um wirksam arbeiten zu können?

 

Der therapeutische Raum – warum Paartherapie einen geschützten Fokus braucht

Trotz dieses Verständnisses habe ich für mich entschieden, paartherapeutische Prozesse nicht zu beginnen, wenn ein Kleinkind regelmäßig in den Sitzungen anwesend sein soll.

Paartherapie braucht aus meiner Sicht einen klaren Fokus: zwei Menschen, ihre Beziehung und einen geschützten Raum, der strukturell und fachlich durch mich als Therapeut zur Verfügung gestellt und gehalten wird. Dieser Rahmen bildet eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das Paar miteinander in Kontakt kommen und seine Beziehung reflektieren kann.

Ein kleines Kind bringt jedoch – ganz selbstverständlich – eine zusätzliche Dynamik mit. Es meldet altersbedingte Bedürfnisse an, reagiert auf Spannungen oder fordert Aufmerksamkeit. Diese Dynamik wirkt auf beide Partner, auf mich als Therapeut und nicht zuletzt auf den therapeutischen Prozess selbst.

Aus systemischer Perspektive beeinflusst jedes anwesende Familienmitglied die Interaktionsdynamik eines Settings – somit auch ein Kind in einer paartherapeutischen Sitzung (vgl. Helm Stierlin, Der Wandel der Familie, 1989, S. 72–75).

Selbst dann, wenn im besten Fall ein Baby während der Sitzung schläft, verändert allein seine Anwesenheit die Atmosphäre im Raum.

Dies wirkt auf das Paar und den Therapeuten gleichermaßen: Aufmerksamkeit verschiebt sich, Interventionen verändern sich, und der therapeutische Proz ess ist durch mich als Therapeuten nur eingeschränkt steuerbar.

Für Eltern bedeutet das nicht, dass ihr Kind „stört“. Es bedeutet vielmehr, dass sich der Fokus des Settings verändert – und damit auch der Prozess in der Paartherapie.

Wenn die neue Familienkonstellation Teil des Konflikts ist

Hinzu kommt, dass mit Schwangerschaft und Geburt häufig Rollenveränderungen, neue Verantwortlichkeiten und unausgesprochene Erwartungen einhergehen, die im Hintergrund von Konflikten wirken können.

Kinder werden dann nicht selten zur Projektionsfläche von Paarkonflikten und erscheinen als vermeintliche Ursache einer belasteten Paardynamik – manchmal ohne dass das Paar dies bereits klar benennen kann.

Wenn ein Kind gleichzeitig physisch im Raum ist, sitzt gewissermaßen auch ein Teil dieses Themas mit in der Sitzung. Auch das bleibt nicht ohne Wirkung.

Hinzu kommt, dass viele Menschen das Benennen bestimmter Konflikte, Emotionen und Gefühle im Beisein Dritter vermeiden. Diese als Selbstzensur bekannte Zurückhaltung zeigt sich häufig auch – und vielleicht besonders – bei Anwesenheit des eigenen Kindes im Raum.

Dadurch bleibt ein Teil der therapeutisch relevanten Dynamik unausgesprochen, und der Prozess kann nur eingeschränkt in die Tiefe gehen.

Diese Dynamiken bleiben jedoch nicht theoretisch – sie zeigen sich sehr konkret im Verlauf einer Sitzung.

Dynamische Unterbrechungen im therapeutischen Prozess

Besonders deutlich wird dies in emotional intensiven Momenten einer Sitzung.

Während ein Partner gerade die ungeteilte Aufmerksamkeit des anderen benötigt, verlangt das anwesende Kind Aufmerksamkeit. Der Fokus verschiebt sich – und der therapeutische Prozess verändert sich zwangsläufig.

Zeit, Raum und ungeteilte Aufmerksamkeit sind aus meiner Sicht zentrale Voraussetzungen dafür, dass Paare mit ihren Gefühlen, Emotionen und Bedürfnissen wirklich in Kontakt kommen und ihre Beziehungsmuster reflektieren und bearbeiten können.

Wenn diese Aufmerksamkeit dauerhaft zwischen Paarprozess und kindlichen Bedürfnissen wechseln muss, kann dieser geschützte Raum nicht mehr in gleicher Weise entstehen.

Der therapeutische Rahmen schützt daher nicht nur den Prozess – er schützt auch die Menschen, die in ihm arbeiten.

Hier berührt die Frage des Settings auch meine Verantwortung als Therapeut. Ich verstehe den therapeutischen Rahmen nicht nur als organisatorische Vereinbarung, sondern als Teil meiner professionellen Verantwortung für die Gestaltung des therapeutischen Prozesses.

Neben der Perspektive des Paares und der therapeutischen Prozessgestaltung stellt sich schließlich noch eine weitere Frage, die in solchen Situationen leicht in den Hintergrund gerät.

 

Die Perspektive des Kindes

Paartherapie findet nicht im luftleeren Raum statt.

Daher zum Abschluss noch ein Gedanke aus der Perspektive des Kindes, das an einer solchen Sitzung teilnimmt. Selbst sehr kleine Kinder reagieren sensibel auf emotionale Spannungen in ihrer Umgebung, auch wenn sie diese noch nicht kognitiv einordnen können (vgl. John Bowlby, A Secure Base, 1988, S. 124–129).

Emotionale Atmosphären – insbesondere zwischen ihren Eltern – werden früh wahrgenommen und können Stressreaktionen beim Kind auslösen.

Das bedeutet nicht automatisch negative Folgen. Dennoch können Situationen entstehen, die für ein Kind emotional schwer verständlich und daher schwer einzuordnen sind. Solche Situationen gilt es aus meiner Sicht nach Möglichkeit zu vermeiden.

Zwei Gedanken für Eltern

Wenn Sie mich als Eltern fragen, ob ihr Kind zur Paartherapie mitkommen kann, höre ich darin oft auch etwas anderes: den Wunsch, sich trotz eines fordernden Familienalltags um die eigene Beziehung zu kümmern.

Dieser Wunsch verdient Anerkennung.

Gleichzeitig zeigt meine Erfahrung, dass Paartherapie besonders dann wirksam wird, wenn zwei Menschen sich Zeit nehmen ihre Aufmerksamkeit ganz aufeinander richten können.

Manchmal wird genau dieser geschützte Raum zu einem der wenigen Orte im Alltag, an dem eine Partnerschaft wieder bewusst in den Mittelpunkt rücken darf.

Wie können Eltern in dieser Lebensphase dennoch Raum für ihre Beziehung schaffen und welche Alternativen sind ggf. möglich?

Hilfreich kann zu diesem Thema ein Beratungstermin in einer der Erziehungs- und Familienberatungsstelle sein. Ein Beratungssetting unterscheidet sich in Struktur und Zielsetzung von einem paartherapeutischen Prozess und kann in dieser Lebensphase eine hilfreiche und zudem kostenfreie erste Unterstützung sein.

 

Literatur

Bodenmann, G. (2016). Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie. Bern: Hogrefe, S. 185–187.

Bowlby, J. (1988). A Secure Base: Parent-Child Attachment and Healthy Human Development. New York: Basic Books, S. 124–129.

Gottman, J. M., & Gottman, J. S. (2007). And Baby Makes Three: The Six-Step Plan for Preserving Marital Intimacy and Rekindling Romance After Baby Arrives. New York: Three Rivers Press, S. 4–7.

Stierlin, H. (1989). Der Wandel der Familie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 72–75.

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